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2036
A short story about the future. English translation. Click here for the German original.

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2036

Eine Zukunftsgeschichte. Die englische Übersetzung findet sich hier.


Am späten Abend des 10. Juli 2008 geriet ich, als ich nach einer Party durch die Straßen Kölns wankte, in die Ausläufer des Hurrikans Gamma, und als ich an einem Baugerüst vorbeiging, riß ein großes, verrostetes Schild mit der Aufschrift "Fertigstellung bis November 2004" ab und traf mich hart am Kopf. Ich fiel auf der Stelle in ein tiefes Koma und wäre wohl gestorben, hätte mir nicht glücklicherweise wenige Tage zuvor ein aufdringlicher Vertreter einen Vertrag für Breitband-Internet aufgeschwatzt. Da im Kleingedruckten dieses Vertrages auch stand, daß ich meinen Körper uneingeschränkt der medizinischen Forschung zur Verfügung stellte, wurde ich nach kurzer Zeit in eine Spezialklinik überstellt und in einem experimentellen Verfahren tiefgefroren.

Als ich erwachte, beugte sich ein Arzt über mich und wedelte freundlich mit dem in seine Nase implantierten Stethoskop. Er teilte mir mit, daß ich mich nun im Jahr 2036 befände, und bei dieser Neuigkeit stockte mir vor Schreck der Atem. Ich erholte mich vom ersten Schock, doch der Atem stockte mir merkwürdigerweise immer noch. Der Arzt beruhigte mich und erklärte mir, daß ich ziemlich stark verschuldet sei, und zwar erstens wegen der Stromrechnung für den Kälteschlaf, und zweitens durch achtundzwanzig Jahre nie genutzten Breitband-Internetzugang. Deshalb habe er leider mein Herz und meine Lunge verkaufen müssen. Nun, er versicherte mir, daß die Herz-Lungen-Maschine, an die ich angeschlossen war, tadellos funktioniere. Ich würde sie von nun an in einer Schubkarre mit mir führen müssen, doch das war ein geringer Preis für mein Überleben.

Trotzdem hatte ich noch beträchtliche Außenstände, die ich durch die weitere Teilnahme an medizinischen Experimenten hätte abstottern müssen; aber glücklicherweise konnte ich den Arzt mit einer fünfprozentigen Teilhabe an meinen Nieren bestechen. Das fiel mir leicht, denn etwa fünfzig Prozent dieser beiden Organe befand sich bereits als Zusatznieren im Körper eines lokalen Millionärs, der damit seine Trinkfestigkeit auf Orgien verbessern wollte. Auf fünf Prozent mehr oder weniger kam es da auch nicht mehr an. Also schmuggelte mich der Arzt bei Nacht und Nebel aus dem Krankenhaus heraus, und ich machte mich davon, die Schubkarre vor mir herschiebend. Das letzte, was ich vom Arzt sah, war sein freundliches Lächeln, erhellt von dem kleinen, leuchtenden Werbeschriftzug auf seinem Nasen-Stethoskop, auf dem die Worte "Trink Euro-Cola" endlos aufglühten und wieder erloschen.

***

Ich war nun bereit, mich in diese neue und wunderbare Welt zu stürzen. Der Arzt hatte mir ein wenig Kleingeld zugesteckt, und als erstes kaufte ich mir eine Zeitung, denn ich hatte schließlich fast drei Jahrzehnte Weltgeschichte aufzuholen. Leider gab es nur noch Boulevardzeitungen, in denen keine Weltgeschichte vorkam. Dafür entdeckte ich tatsächlich ein Bild von mir in der Zeitung "Pic". Der Text, der dazugehörte, war kurz und lautete: "TOTER MANN! Er LEBT! Er war hundert Jahre eingefroren. TOTER MANN, wie KALT war es in deinem EIS-SARG?" Ich lächelte; offenbar hatten sich die journalistischen Standards in den vergangenen Jahrzehnten nur unwesentlich verschlechtert. Ich beschloß, meinen neuen Ruhm zu feiern, und steuerte die nächste Kneipe an. Dort kaufte ich mir ein Glas Leitungswasser, erstens, weil es das einzige war, was ich mir leisten konnte, und zweitens, um meine arg mitgenommenen Restnieren zu schonen. An diesem Ort erhielt ich den ersten Hinweis, daß nicht alles in dieser Zukunftswelt so rosig war, wie ich es mir ausgemalt hatte. Die Kellnerin, die meine Bestellung aufnahm, bewegte sich mit seltsamen Trippelschritten, und ich war einigermaßen schockiert, als ich feststellte, daß ihre Beine an den Fußknöcheln zusammengekettet waren. So unauffällig wie möglich fragte ich einen unrasiert aussehenden, sehr dünnen Menschen am Nebentisch, was denn mit ihr los sei. Unerklärlicherweise wurde der Mann daraufhin sehr wütend, aber nicht auf mich, sondern auf die Kellnerin. Nur mit Mühe konnte ich ihn davon abhalten, ihr gegenüber handgreiflich zu werden. Schließlich rang ich ihm eine Erklärung ab. Anscheinend hatte man erst kurze Zeit vorher die Sklaverei wieder eingeführt, auch wenn man diesen Begriff vermied und statt dessen von "Glücklichen ArbeiterInnen" sprach. Das war ein positiver besetzter Begriff, und außerdem konnte man ihn zu "Glabber" abkürzen, was sich denglisch, also äußerst fortschrittlich anhörte. Der unrasierte Mann nun, der sich mir als Yussuf vorstellte, stammte aus der Europäischen Provinz Georgien und war sehr erzürnt darüber, nun nicht mehr die billigste Arbeitskraft auf dem Markt zu sein. In akzentfreiem Deutsch - er hatte in seinem Heimatland mehrere Doktorgrade erworben und war ein gebildeter Mensch - beschwerte er sich darüber, wie die Glabber den Einwanderern die Löhne kaputtmachten. Früher habe er noch jeden Tag eine Schüssel Reis kaufen können, klagte Yussuf mir sein Leid. Seitdem es die Glabber gab, reichte es nur noch für ein "Bio-Bier" am Tag. Das reichte, weil das Bier gentechnisch verändert worden war und alle lebenswichtigen Vitamine enthielt, aber er vermißte den Geschmack. Yussuf arbeitete vierzehn Stunden am Tag als Fernseh-Fernbedienungs-Apporteur für einen reichen Kölner Bürger.

Mein Haus existierte nicht mehr. Doch ich schloß Freundschaft mit Yussuf, und er bot mir an, in seiner Wohnung zu übernachten, bis ich eine eigene Bleibe gefunden hatte. Die "Wohnung" entpuppte sich als selbstgebaute Wellblechhütte auf dem verwilderten Gelände einer riesigen Industriebrache am Stadtrand, dort, wo einst die Ford-Werke gestanden hatten, bevor GM-Daimlerford pleite gegangen war. Nun, es war besser als nichts. Am nächsten Abend, nach der Arbeit, führte mich Yussuf durch die Stadt. Ich staunte über die vielen Veränderungen, doch was mir am seltsamsten vorkam, war die Mode dieser neuen Zeit, insbesondere die für Frauen.

Als ich darüber nachdachte, wurde mir klar, daß diese Mode nur die logische Fortsetzung zweier Trends war, die sich bereits in meiner Zeit angekündigt hatten. Erstens das Herausputzen von Frauen zu Sexobjekten; zweitens ein gewisses Maß an "alles ist möglich", ein Verwischen und Abschwächen von politischen Symbolen. In den Sechzigern konnte ein junger Mann noch provozieren, indem er einfach die Haare lang trug. In den Achtzigern mußte er sie dafür bereits grün färben, und wiederum zwanzig Jahre später trugen alle möglichen Leute die unmöglichsten Frisuren, und auch über T-Shirts mit Che-Portraits oder Pentagrammen regte sich niemand mehr auf. Diese beiden Trends führten zwangsläufig zum trendigsten Kleidungsstück des Jahres 2036, der Halbburka. Das war ein formloses Stück Stoff, der den Körper vom Kopf bis knapp über dem Bauchnabel verhüllte; unten herum trug man überhaupt nichts.

Ich gehe deshalb so ausführlich darauf ein, weil diese Mode letztlich dafür verantwortlich war, daß mich mein bisheriges Glück verließ. Denn auf unserem Weg durch die Stadt befahl mir Yussuf mehrere Male, ein kurzes Stück zu rennen, was mir unverständlich erschien; aber ich gehorchte, um ihn nicht zu verärgern. Doch als wir nur noch wenige Straßenecken von Yussufs Stammkneipe entfernt waren, erblickte ich wieder einmal eine dieser halbnackten Frauen, deren Halbburka pink und mit kleinen Herzchen und der Aufschrift 'Suizide Bomba' bedruckt war. Ich starrte ihr mit einer Mischung aus Erregung und peinlicher Berührung nach, überhörte Yussufs Kommando und blieb stehen - zu lange. Denn plötzlich brach eine Gang von etwa einem halben Dutzend Jugendlichen aus einer dunklen Ecke hervor und stürzte sich mit wildem Geschrei auf uns. Yussuf gab einen Fluch in einer kaukasischen Sprache von sich, ehe er unter ihren Messerstichen zusammenbrach. Ich überlebte nur, weil ich einen Herzanfall vortäuschte und mich tot stellte - nicht gerade überzeugend für jemanden, der an einer Herz-Lungen-Maschine hing, doch ich hoffte, solch logische Zusammenhänge würden sich den jungen Rowdies nicht ohne weiteres erschließen. Ich kniff die Augen zu und fühlte, wie Hände meine Taschen durchwühlten. Da jedoch weder ich noch Yussuf viel Geld dabeihatten, zogen sie schließlich ab, nachdem sie mehrere Teile aus meiner Maschine herausgebrochen hatten - Teile, die blinkten und verkäuflich aussahen, doch nicht wichtig für ihr Funktionieren waren.

Als alles wieder ruhig war, stand ich vorsichtig auf. Hätte ich ein Herz gehabt, es hätte gerast vor Angst. Yussuf war tot. Ich taumelte zur Kneipe, und die freundliche Bedienung mit den Fußketten ließ mich das Telefon benutzen. Einige Minuten später war ein olivgrüner Jeep der Paramilitärs da, einer Söldnertruppe irgendwo zwischen Polizei und Armee. Sie waren für diesen Vorfall zuständig, erklärte man mir, denn die echte Polizei kam nur, wenn Deutsche umgebracht wurden, und die echte Armee war irgendwo in Arabien. Einer der Paras konnte lesen und schreiben und nahm meine Personalien auf. Er trug eine Tarnfleckuniform, einen Schlagstock, eine Maschinenpistole und vor dem Gesicht eine kreisrunde, knallgelbe Smiley-Maske, damit er freundlicher aussah. Dann durchsuchten die Paras mich und Yussufs Leiche und stahlen, was die Jugendlichen übriggelassen hatten, eine völlig entschuldbare Handlung, wenn man bedachte, wie schlecht diese Männer bezahlt wurden. Schließlich luden sie Yussufs Leiche ein und ließen mich ohne einen einzigen Cent auf der Straße zurück.

Ich war verzweifelt - ich hatte meinen einzigen Freund in dieser Zeit verloren und wußte nicht, wo ich die Nacht verbringen sollte. Da erinnerte ich mich an den Artikel in der 'Pic'. Vielleicht, dachte ich, war ich immer noch interessant genug für einen weiteren Artikel. Also stahl ich ein Zehn-Cent-Stück vom nächstgelegenen toten Junkie und schickte an der nächsten Internetzelle eine Voicemail an die Redaktion. Die Antwort kam schnell und war ermutigender, als ich gehofft hatte. Als jemand, der schon einmal in der Zeitung gewesen war, wurde ich jetzt als Hypercoolstar geführt. Das war immer noch weniger als ein Ultrakrassstar, wofür man mindestens zwei Sekunden im Fernsehen gewesen sein mußte, aber es reichte, um mir ein Interview in der morgigen Ausgabe zu sichern.

Zuerst schien auch alles gutzugehen. 'Pic' zahlte ganz brauchbar für Nacktfotos, und ich hatte immerhin einige interessante Narben vorzuweisen. Ich trieb den Preis noch ein wenig nach oben, indem ich mich fotografieren ließ, während ich es mit einer vom Reporter mitgebrachten moldawischen Prostituierten trieb. Damit, so rechnete ich, würde ich mindestens für die nächste Woche mein Bio-Bier bezahlen können. Das gelungene Fotoshooting machte mich ein wenig übermütig, und so ließ ich mich dazu hinreißen, einige kritische Bemerkungen zur neu eingeführten Sklaverei loszuwerden. Wenn ich mich recht erinnere, sagte ich, es mache mich "betrübt". Was ich genau gesagt habe, weiß ich nicht mehr, denn 'Pic' druckte kein einziges Wort davon ab. Stattdessen las ich am nächsten Morgen, als ich die Zeitung aufschlug, unter einem wirklich guten Foto einen Artikel mit der Überschrift: "EIS-MANN: Wieso HASST er uns so?" Durch meine Miesmacherei, las ich, habe ich den Aufschwung vergrault, der gerade dabei gewesen war, in Erscheinung zu treten. Jetzt allerdings sei es damit erst einmal vorbei. Damit sei ich, der EIS-KOMMUNIST, ein HASS-TERRORIST, vielleicht sogar als Teil eines internationalen Netzwerkes, denn war nicht, wie 'Pic' unter einem Bild von Yussufs Leiche schrieb, mein bester Freund JUSUFF, DER NÖRGEL-TÜRKE?

Insgesamt war all dies durchaus, für 'Pic'-Verhältnisse, gut geschrieben und klug begründet, weshalb es mich auch nicht sehr verwunderte, daß sich auf der Stelle eine Traube wütender Menschen um mich herum bildete und begann, mich zu steinigen. Ich ergriff die Flucht, doch der Mob folgte mir. Meine einzige Chance war, die Verfolger in einer dunklen Gasse abzuhängen. Das allerdings war leichter, als ich gedacht hatte, denn es war noch früh am Morgen, und es gab keine funktionierende Straßenbeleuchtung mehr, so daß kein Mangel an dunklen Gassen bestand. Schnell gelang es mir, die aufdringliche Meute loszuwerden. Ein Stein hatte jedoch die Herz-Lungen-Maschine in meiner Schubkarre getroffen und mußte wohl einiges an Schaden angerichtet haben. Noch während ich die Maschine untersuchte, breitete sich ein taubes Gefühl in meinen Armen und Beinen aus, und mir wurde schwindelig. Nun zählte jede Sekunde. So schnell mich meine Beine noch tragen wollten, eilte ich zurück zur Klinik, in der ich erwacht war. Als ich dort ein Fenster einschlug, kehrte mein Glück zurück - der Pförtner, der mich dabei gesehen hatte, war ein Glabber und konnte wegen der Ketten an seinen Füßen nicht schnell laufen. Ich stieg durch das Fenster ein, und mit einer schier übermenschlichen Anstrengung gelang es mir, auch die Maschine hindurchzuwuchten. Von hier an verschwimmt meine Erinnerung ein wenig. Mit der letzten Luft, die mir die stotternde Maschine verschaffen konnte, wankte ich durch die Gänge, und alle Ärzte flohen vor meinem terroristischen Angesicht. Schließlich nahm ich ein blaues Glühen wahr, das von meiner Kälteschlaf-Vorrichtung stammen mußte. Ich sank hinein, riß die Schläuche ab, die mich mit der Maschine verbanden, und ließ den Deckel über mir zufallen.

***

Ich schlief weitere drei Jahrzehnte, in denen das Klima schließlich völlig aus den Fugen geriet und die Kölner Innenstadt dem steigenden Ozean zum Opfer fiel. Jahrelang lag ich auf dem Grund des flachen, aber äußerst trüben Wassers der Kölner Bucht, während rings um mich erbitterte Kämpfe zwischen den letzten Bewohnern der Stadt tobten, den Söldnertruppen einer großen Privatbank, die sich die teuren Gen-Kiemen hatten leisten können, und den lokalen Montagsdemonstranten, die sich von kleineren klimatischen Unannehmlichkeiten noch nie hatten abschrecken lassen. Bei einem derartigen Kampf wurde das Krankenhaus so stark beschädigt, daß meine Kälteschlaf-Vorrichtung herausgespült wurde und an die Oberfläche trieb.

Ich kann von Glück reden, daß hier oben die Revolution schließlich doch gekommen war. Denn so wurde ich schließlich am 17. Dezember des Jahres 2079 von der Besatzung des Flugzeugträgers "James Robertson" aus dem Wasser gefischt, der zur Beobachtung der vorgenannten Kämpfe abkommandiert war. Während ich diese Zeilen schreibe, liege ich an Deck dieses wunderbaren Schiffes und genieße die tropische Brise unter der warmen Dezembersonne. Mein neues Kunstherz funktioniert tadellos. Ich trinke eine Pina Colada, lausche dem Kreischen der zweischnäbligen Mutantenmöwen über mir und dem monotonen Stimmengewirr des Steuerbordkomitees, das über eine Zusammenlegung mit dem Unteren Mittelschiffkomitee streitet, hinter mir. Die Zukunft, das kann ich nun mit Bestimmtheit sagen, ist nicht annähernd so düster, wie wir immer denken.


© Bqggz 2006